VII. Wechsel am Lehrstuhl für Kirchengeschichte und im Präsidium der Gesellschaft

Zu Loesches Nachfolger am Wiener Lehrstuhl wurde aber nicht sein Schüler Völker berufen, der gezwungen war, auf den Lehrstuhl für Praktische Theologie auszuweichen, sondern Johannes von Walter (1876–1940); dieser trat 1921 in den Vorstand der Gesellschaft ein und gehörte diesem auch nach seinem Wechsel an die Universität Rostock bis 1929 an. Neben Loesche, der von 1891 bis 1929 das Jahrbuch herausgab, gehörten zeitweise Trauschenfels und seit 1909 Skalský zum Präsidium. 1905 wurden neben Loserth der Stuttgarter Pfarrer Gustav Bossert (1841–1925), Johannes Scheuffler (1837−1917), Pastor in der Umgebung von Dresden, und der schon erwähnte Kvačala zu Ehrenmitgliedern ernannt; 1927, kurz vor seinem Ableben, erhielt auch der Wiener Pfarrer und ao. Oberkirchenrat Paul von Zimmermann (1843–1927) diese Ehrung. 1921 wechselte der oberösterreichische Superintendent J. Friedrich Koch (1838–1929) als Vizepräsident ins Präsidium. 

Mit dem Jahrbuch 1930 kam es auch zu einem Wechsel im Vorstand. Völker übernahm die Leitung, der Brünner Senior Ferdinand Schenner (1875–1940) und der vormalige Präsident des Oberkirchenrates Wolfgang Haase (1870–1939), der Sohn des Gründers, traten ebenfalls in den Vorstand ein. 1935 verstarb im 90. Lebensjahr der seit 1909 mit der Funktion des Schatzmeisters betraute Markus Stein (1845–1935), der den Leipziger Verlag Julius Klinckhardt mit dem Wiener Verlag Manz fusioniert und dem von ihm verlegerisch betreuten Jahrbuch gerade auch als Vorsitzender des „Vereins österreichisch-ungarischer Buchhändler“ den Weg in den Buchhandel geöffnet hatte. In der Ära des katholischen ,Ständestaates‘ beklagte die Gesellschaft verunglimpfende Darstellungen der Reformation, insbesondere in dem Goldene[n] Buch der Vaterländischen Geschichte für Volk und Jugend Österreichs, ein ‚Kultbuch‘ das die Reformation ausschließlich als fatalen Irrtum abkanzelte und die „Gegenreformation“ als historischen Bezugspunkt für die unmittelbare Gegenwart des „Kruckenkreuz-Österreich“ zu preisen wusste. Dem wurde von evangelischer Seite die 1936 in Zürich erschienene ‚Beschwerdeschrift‘ Die Gegenreformation in Neu-Oesterreich entgegengesetzt.

Der allzu frühe Tod Völkers 1937 erzwang einen Wechsel im Vorstand: Das bisherige Vorstandsmitglied (seit 1934) Josef Kallbrunner (1881–1951), Direktor des Hofkammerarchivs, übernahm die Präsidentschaft, während die Herausgabe des Jahrbuchs Völkers Schüler Paul Dedic (1890–1950) übertragen wurde. Dessen Berufung an die Fakultät war freilich 1937/38 wiederholt gescheitert. In einem Projekt, das den Ausbau der Fakultät vorsah, hätte Dedic eine Professur für die Kirchengeschichte des Donau- und Karpatenraumes wahrnehmen sollen – dies scheiterte aber am Nein der Münchener NS-Parteikanzlei. So war Dedic gezwungen, von Graz aus und im Schul- bzw. im Archivdienst seinen Forschungen nachzugehen. Dabei spielten die Reformationsgeschichte Innerösterreichs, die Geschichte des Geheimprotestantismus sowie die Exulantenforschung eine große Rolle. In der Nachfolge Loserths nahm er sich auch der Geschichte der Täuferbewegung an und sammelte entsprechende Dokumente. Ins Präsidium traten weiter der zum Ordinarius berufene Berliner Dozent Hans Georg Opitz (1905–1941), der freilich bald zum Kriegsdienst eingezogen wurde und an der Ostfront fiel, und bis 1945 Gustav Entz (1884–1957), der Praktologe der Wiener Fakultät, ein. Das Schatzmeisteramt blieb in der Familie Stein, denn des verstorbenen Schatzmeisters Sohn Robert Stein (1899–1970) übernahm die Geschäfte. In den Beirat traten die Superintendenten Theophil Beyer (1875–1952), Johannes Heinzelmann (1873–1946), Jakob Ernst Koch IV. (1865–1947), der Präsident der Deutschen Evangelischen Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien Erich Wehrenfennig (1872–1968), der Grazer Archivdirektor Max Doblinger (1873–1965) und der Senior in Graz Karl Eckhardt (1857–1946) ein. 

In den Jahrbüchern 1938 und 1939 finden sich begeisterte Vorworte des Vorstands über die Heimkehr Österreichs ins „Mutterland der Reformation“ und damit die Erfüllung der großdeutschen Sehnsucht. Darin wird auch die Verpflichtung der Gesellschaft angesprochen, ihren Teil „in den Dienst unseres Volkes“ zu stellen und die „hohen Werte völkischer und religiöser Begeisterung“ zu vermitteln. So haben die Phrasen der anbrechenden neuen Zeit auch im Jahrbuch ihre Spuren hinterlassen. Ausdrücklich wurde 1939 auch das Interesse an der Geschichte der Evangelischen in den sudeten- und karpatendeutschen Landschaften zum Ausdruck gebracht und als Aufgabe in Erinnerung gerufen.